Österreich
21. Mai DIE ZEIT – Österreichteil
Von Lisa Maria Gasser
Aber hier leben? Nein danke
Der Brenner ist für Millionen das Nadelöhr ins Paradies und für den Warenverkehr der EU unverzichtbar. Für Karl Mühlsteiger ist er ein Albtraum. Deswegen macht der Bürgermeister von Gries die Straße dicht
Früher, sagt Karl Mühlsteiger, da habe man in Gries am Brenner wenigstens gewusst, wann die Blechlawine kommt. Von klein auf lebt der 49-Jährige in der Tiroler Gemeinde an der Staatsgrenze zu Italien. Als er geboren wurde, rollten die Autos schon über den gigantischen Betonwurm auf Stelzen oberhalb des Dorfzentrums, auf der Brennerautobahn, die als A13 auf der Nordtiroler Seite und als A22 auf der Südtiroler Seite durchs Wipptal führt. Wie jeder der 1.400 Einwohner kennt er die Tage, an denen man besser auf Vorrat einkauft und zu Hause bleibt: Ostern, Pfingsten, rund um Ferragosto am 15. August.
»Jetzt können wir den Verkehrskollaps nicht mal mehr abschätzen«, sagt Mühlsteiger, den sie 2010 zum Bürgermeister gewählt haben. Das Wipptal versinke »mehrmals pro Woche« im Stau, nicht nur oben auf der Autobahn, die Ortsdurchfahrten erstickten im Ausweichverkehr, Berufspendler wie er selbst im Frust. Eine neue Eskalationsstufe, so sehen sie das im Tal. Also eskaliert Karl Mühlsteiger jetzt auch. Er stoppt den Verkehr für einen ganzen Tag. Und hat jetzt eine Menge neuer Feinde, bis hin nach Rom, Wien und München.
»So geht man mit Nachbarn nicht um«, richtete ihm Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) aus. Aus Wien schaltete sich Verkehrsminister Peter Hanke (SPÖ) ein: Die Wipptaler Aktion setze internationale Beziehungen aufs Spiel; Österreich habe »als Land im Herzen von Europa eine Verantwortung für die Lieferketten des Binnenmarktes«.
Alle Bitten um eine Absage oder wenigstens eine Verlegung des Protests prallen an Mühlsteiger ab. Mit den Reaktionen habe er gerechnet, sie seien auch beabsichtigt gewesen: »Ein Zeichen kann man natürlich nur setzen, wenn man für ein bisschen Chaos sorgt.«
Ein bisschen Chaos, das ist eine Untertreibung für das, was am 30. Mai auf Urlauber und Lkw-Fahrer zukommt. Der wichtigste Alpenpass wird dicht gemacht, mitten in den bayerischen Pfingstferien, kurz vor dem italienischen Staatsfeiertag am 2. Juni, wenn wieder Abertausende in Urlaubsstimmung über den Brenner drängen. Karl Mühlsteiger hat, mit Unterstützung der anderen Bürgermeister aus der Region, eine Protestaktion angemeldet – auf der Autobahn. Er versteht es als »Hilfeschrei« eines transitgeplagten Tals und seiner Menschen.
Für Leidensgenossen am Brenner und anderswo ist er jetzt ein Held, ein moderner Andreas Hofer. Weil endlich einer auf ihre Realität aufmerksam macht, die im Reiserausch versinkt.
Für die Menschen im Wipptal ist die Brennerautobahn keine Sehnsuchtsstraße. Sondern ein Schlot, der ungebremst Lärm, Abgase und Stau ausstößt. Der Verkehr über den Brenner hat sich seit Anfang der 1990er-Jahre verdoppelt. In Rekordjahren fahren fast 2,5 Millionen Lkw und knapp zwölf Millionen Pkw über den Pass. Alle Tiroler Bemühungen, den Transit zu begrenzen, führen zu Streits mit den Nachbarländern. Im Juli 2024 zerrte Italiens Verkehrsminister Matteo Salvini Österreich vor den Europäischen Gerichtshof. Ein Urteil erfolgt frühestens im Herbst 2026.
In Gries ringen sie auch schon jahrelang um Lösungen, sagt Mühlsteiger, nichts habe gefruchtet. Und so verdichtet sich an einem Samstag im Mai und auf wenigen Kilometern Asphalt dieser Kampf, der seit Jahrzehnten auf der Brennerautobahn schwelt: Europas Freizügigkeit gegen die Bedürfnisse eines Tals.
Es ist kurz vor dem Muttertag. Karl Mühlsteiger kommt von einer Feier, bei der er rote Rosen an die Grieser Mütter verteilt hat. Die kurzen braunen Haare trägt er zur Seite gegelt, auf der Nase eine randlose rechteckige Brille. Manche in Tirol nennen den parteilosen Bürgermeister »eine politische Billardkugel«, angetrieben von Rachegelüsten. Er hatte nämlich für den Bau eines Tunnels votiert, statt eines Neubaus der Luegbrücke oberhalb von Gries. Ohne Erfolg, seit 2025 wird die Brücke saniert – und ist ein weiteres Nadelöhr auf der viel befahrenen Straße.
Eine Totalblockade aus Rache also? »Alles Quatsch«, sagt Mühlsteiger. Die Protestaktion am 30. Mai habe er nicht aus Trotz angemeldet, sondern gemeinsam mit seinem Amtskollegen Walter Kiechl in Ellbögen, also die beiden Bürgermeister der nördlichsten und der südlichsten Wipptaler Gemeinde. Er erzählt vom »enormen Zuspruch«, den er in Hunderten Mails, Anrufen und persönlichen Gesprächen mit Menschen aus ganz Österreich, Bayern und Südtirol erfahren habe.
Unlieb scheint Mühlsteiger der Rummel um seine Person nicht zu sein. Geduldig antwortet er auf die x-te Journalistenanfrage. Für ein 20-minütiges TV-Duell ist er sogar bis nach Bozen gefahren. Kein Wunder, dass ihm einige Stimmen Ambitionen unterstellen, in die Landes- oder Bundespolitik zu wechseln. Mühlsteiger, der neben dem Bürgermeisterjob als Bankangestellter in Innsbruck arbeitet, winkt ab: »Na! Dafür hänge ich zu sehr an Heimat und Familie.«
Vor dem Eingang des Grieser Rathauses wehen zwei Flaggen: das golden-schwarze Gemeindewappen und der rot-weiße Tiroler Adler. Mühlsteiger zeigt in alle Himmelsrichtungen. Das Wipptal liegt eng eingekesselt zwischen den Stubaier, den Zillertaler und den Tuxer Alpen. Auf der einen Seite die Autobahn, auf der anderen die Zugtrasse, am Talboden die Bundesstraße. Eine Beinahe-360-Grad-Geräuschkulisse, die die Leute im Tal sehr belaste, sagt Mühlsteiger.
Er selbst hat es als Jugendlicher das erste Mal so richtig realisiert. Mühlsteiger wuchs im Ortsteil Lueg auf. 1992, erzählt er, habe sein Vater die erste Videokamera gekauft und die Kinder gefilmt. In der Aufnahme habe er dann »ein unangenehmes Geräusch« wahrgenommen. »Erst da habe ich gemerkt, welchen Lärm die Autobahn macht.«
Schutzvorrichtungen, wie es sie in anderen Bundesländern und auf der A22 in Südtirol gibt, habe die Betreibergesellschaft Asfinag bislang verwehrt. »Wir fordern nur dasselbe, was andere auch haben«, sagt Mühlsteiger. Einhausungen zum Beispiel. Dass die Gemeinden diese selbst finanzieren, kommt für den Grieser Bürgermeister nicht infrage: »Die Autobahn ist nach den Menschen ins Wipptal gekommen und geht uns im Grunde nichts an.«
Eine aktuelle Studie hat ausgerechnet, welche Kosten die Allgemeinheit für den freien Waren- und Urlaubsverkehr am Brenner trägt. Über höhere Steuern wegen des Straßenbaus, über höhere Krankenkassenbeiträge, über den Verlust an Lebensqualität. Die Forscher kommen auf 2,1 Milliarden Euro im Jahr. Getragen vor allem von jenen Menschen, die vor Ort wohnen.
Große Hoffnung lag in der Verlagerung des Transports, wie am Schweizer Gotthardpass, den fast drei Viertel der Waren auf der Schiene queren. Am Brenner werden es immer weniger: Nur ein Viertel waren es zuletzt. Der Brennerbasistunnel soll das irgendwann ändern, falls bis dahin die Zulaufstrecken in Deutschland fertiggestellt sind. Und so oder so: Die Autobahn bleibt für Frächter die billigere Option.
Prognosen sagen eine weitere Zunahme des Transitverkehrs voraus. Langfristig sowieso, aber auch akut, weil die Bahnstrecke zwischen Innsbruck und Verona im Sommer 2026 einige Wochen wegen Bauarbeiten gesperrt ist und die Deutsche Bahn für 2028 eine mehrmonatige Sperre der Strecke Rosenheim–München plant, einer zentralen Achse für den Gütertransport über den Brenner. Die Industriellenvereinigung Trentino-Südtirol schätzt, dass dann 1.870 mehr Lkw zwischen Bayern, Tirol und Südtirol unterwegs sein werden – jeden Tag.
Noch mehr Laster. Und dazu noch die Sorge, dass der Europäische Gerichtshof die Maßnahmen verbietet, mit denen das Land Tirol die ärgsten Spitzen abfedert: vor allem die temporären Lkw-Fahrverbote in der Nacht, an Wochenenden und Feiertagen. Im Wipptal »läuten deshalb die Alarmglocken«, sagt Karl Mühlsteiger. Die Bürgermeister der zehn Wipptaler Gemeinden haben nun ein Forderungspapier ausgearbeitet. Anruf bei Florian Riedl. Er ist Obmann des Planungsverbands, Bürgermeister von Steinach am Brenner, Verkehrssprecher der Tiroler ÖVP. Er sagt: »Wir wollen aufzeigen, dass die Belastbarkeitsgrenzen von Infrastruktur, Mensch und Natur überschritten sind.« Das Papier richtet sich an die Landesregierung, die Bundesregierung und die Europäische Kommission. Zum konkreten Inhalt halten sich die Bürgermeister bedeckt. Dass an den Tiroler Fahrverboten nicht gerüttelt werden dürfe, stehe drin, sagt Mühlsteiger nur. Und die Forderung nach Lärmschutz. Die Spannung soll bis zum Demo-Tag hoch bleiben.
Am 30. Mai will man den Katalog »dem höchsten anwesenden Politiker« überreichen, sagen die Bürgermeister. Wer das sein wird, sei noch offen. Die Kundgebung auf der A13 bei Matrei, auf halbem Weg zwischen Innsbruck und dem Brenner, soll dreieinhalb Stunden dauern, von 13 bis 16.30 Uhr. Gesperrt wird die gesamte Strecke zwischen der Mautstelle Schönberg und dem Brenner sogar zwischen 11 und 19 Uhr.
Tirol rüstet sich mit einem Großaufgebot der Polizei, Grenzkontrollen, weiträumigen Straßensperren und einer europaweiten Informationskampagne. Dass eine Protestaktion am Transitproblem nichts ändern wird, das wisse er natürlich, sagt Mühlsteiger. Doch in dem vorbereiteten Forderungspapier sei auch ein Ultimatum festgeschrieben, wie lange man der »hohen Politik« Zeit gebe, den Wipptaler Forderungen nachzukommen. Auch hier wird er nicht konkreter. Nur so viel sagt der Bürgermeister: Falls bis dahin nichts passiere, »gehen wir eben wieder protestieren«.