Nachgerufen … 3 Beispiele


Weil ich es beim letzten Beitrag vergessen habe, hier sind die Nachrufe, von denen ich gesprochen … keine verlorene Tage, mir unbekannte Menschen werden hier sicht- und erlebbar.
Oder nicht?
NACHRUF EINS
Gisela Buddée8. Oktober 1944 – 20. März 2026

Der Himmel über Berlin Friedrichshain am 27. März 2026 um 19:26 Uhr

Der Himmel über Berlin Friedrichshain am 27. März 2026 um 19:26 Uhr Foto: Walter Sommer
Wehe, man redete einfach so drauflos. Mit einem einzigen skeptischen Blick über den Rand ihrer Brille konnte sie einen verstummen lassen. Wer es wagte, mit ungefährem Halbwissen daherzukommen, den bedachte sie mit der kühlen Frage: Ach, ist das wirklich so? Ihren Chefredakteur hat sie mit einem Aschenbecher beworfen. Was für eine Unverschämtheit, seinen konservativen Unsinn einfach in ihren Artikel hinein zu redigieren.
Um die 50 wurde diese scharfe, gepanzerte Frau geradezu zärtlich und für ihre Verhältnisse sanftmütig. Wie sie in ihrer Küche in Neukölln stand, eine Zigarette nach der anderen rauchte, bewundernd zu ihrem Thomas hinaufschaute und gar nichts sagte. Fast 20 Jahre jünger war er, aber was machte das schon. „Du schmachtest den ja regelrecht an“, stellte ihre Freundin fest – verwundert, amüsiert. „Ja“, antworte Gisela da nur.
Eng hatte sich Giselas Kindheit angefühlt. Die Mutter war Friseurin, der Vater Konditor. Eines Tages verbrannte er sich so sehr an heißem, flüssigem Zucker, dass er zum Versicherungsfachmann umschulen musste. Eine Schwester gab es noch und einen Bruder, der früh starb. Eine Angst legte sich über die Eltern: Gisela durfte kaum raus, kaum mit anderen Kindern spielen. Doch sie fand ihre Wege, versteckte ihren Schwimmanzug, um heimlich schwimmen zu lernen. Und sie schrieb kurze Geschichten auf kleine Zettel. Fanden die Eltern die Zettel, zerrissen sie sie. Ihr Wunsch, Journalistin zu werden, sei Quatsch, pure Träumerei. Doch Gisela fand ihre erste Leserin: eine Freundin, die direkt unter ihr wohnte. Hatte sie eine Geschichte fertig, ließ sie die Zettel an einem Bindfaden zu ihr herunter.
Doch in ihrer Familie war sie ganz allein. Was sie liebte, Bücher, Musik, Diskussionen, das galt als Unsinn. Doch Gisela feuerte all das nur an; sie würde es ihren Eltern zeigen. Lehramt studierte sie noch, das war ihr Zugeständnis. Dann machte sie ein Volontariat bei der Braunschweiger Zeitung und wurde direkt übernommen.
Sie war eine von zwei Frauen im Blatt. Die andere war streng gekleidet, und roch noch Haarspray. Solche Details fielen Gisela auf. Die links war, jung, hübsch – lange Locken, meist ein Trenchcoat und weite, bunte Stoffhosen. Wer sie nicht für voll nahm, bekam es mit ihrer ganzen Genauigkeit zu tun. Gisela konnte mit der Faust auf den Tisch hauen, focht jede Diskussion bis zum Ende aus und hatte immer noch ein Argument. Vage Informationen machten sie rasend. „Was heißt ,ungefähr hundert Menschen‘. Hast du nicht gezählt?“ Da war sie gnadenlos. Den Schlussredakteur allerdings achtete sie sehr; er war genauso penibel wie sie.
Gabriela, 15 Jahre jünger, war damals Schülerzeitungsredakteurin. Sie las eine von Giselas vernichtenden Konzertkritiken, fand diese unterirdisch, rief in der Redaktion an, ließ sich zu Gisela durchstellen. „Meine erste Überraschung: Das war ja eine Frau, ich dachte, hinter dem Kürzel verbirgt sich ein Mann. Meine zweite Überraschung: Giselas Reaktion. Wenn ich so eine große Fresse habe, solle ich doch einmal in die Redaktion kommen und es besser machen.“
Gabriela kam. Als sie Gisela erblickte, wie sie die Treppe herunterlief, mit ihren Locken, ihrem leicht spöttischen, kritischen Blick, dachte sie: „Mist, die mag ich.“ Die Ältere nahm die Jüngere ernst, gab ihr Aufträge, und ging dann akribisch durch ihre Texte. Was heißt das genau? Woher weißt du das? „Bei Gisela war ich immer hoch konzentriert. Bloß nichts Halbgares von mir geben. Da war immer dieser Drang, vor ihr zu bestehen.“
Später, Gabriela war für ein Auslandssemester in Spanien, schrieb Gisela: Ich komme dich besuchen. Vier Wochen reisten sie von Nord nach Süd, Gabriela organisierte, Gisela bezahlte. Natürlich kritisierte Gisela, verglich vieles mit ihrem geliebten Frankreich. Eines Abends aber, die Nächte waren schon kühl, die Decken in der Unterkunft zu dünn, bauten sie sich eine Höhle aus Matratzen, Decken und Kissen, kuschelten sich aneinander und redeten die ganze Nacht. Als Gisela wieder fuhr, musste Gabriela weinen. Gisela war ihr eine große Schwester geworden.
1984 verließ Gisela die Braunschweiger Zeitung, der Chefredakteur schenkte ihr zum Abschied einen Aschenbecher. Falls sie mal wieder mit etwas schmeißen müsse. Sie ging jetzt zu den Grünen ins Rathaus. Das war in Braunschweig ein Ereignis: Eine renommierte Lokalredakteurin in diesem Schmuddelhaufen. Und dann hatte sie auch noch einen männlichen Sekretär!
Gisela litt. Da waren die guten grünen Vorsätze, gegen Atomkraft und Aufrüstung, für Naturschutz. Doch im Rathaus ging es um Verwaltung und Machtkampf. Für eigene Projekte war da wenig Raum. Trotzdem blieb sie knapp acht Jahre.
Ein kurzes Zwischenspiel in Hamburg, wo Gisela für die linke „Hamburger Rundschau“ schrieb, prekär bezahlt, politisch aber genau ihre Linie. Sie wohnte mit dem ZDF-Korrespondenten für Indien in einer Wohnung. Wenn dieser von seinen Hausangestellten in Indien berichtete, wurde sie wütend. „Das ist dort aber üblich“, sagte er. „Dann müssen wir mit dem Üblichen aufhören“, erwiderte Gisela. „Von dem Üblichen kommt das Übel.“
Gisela zog nach Berlin, das passte besser zu ihr, besonders Neukölln. Gisela fing auch gleich an zu berlinern, später würde sie ein Buch über die Berliner Mundart schreiben. Und andere Bücher schrieb sie, Reiseführer, und Artikel über Nizza, Dublin, die Ostseeküste, Dresden.
Dann Thomas. Sie um die 50, er Anfang 30. Er war Fotograf und Werber, hatte einen süßen Strubbelkopf und schien das Gegenteil von ihr zu sein: weich, sensibel. Ihr unruhiger, streitbarer Geist wurde in seiner Gegenwart ruhiger und geerdeter. Gisela musste mit ihm nicht kämpfen und streiten, oft sah sie ihn nur an und hörte ihm zu.
Thomas erkrankte an Leukämie, musste in die Charité. Gisela machte ihm Mut, redete ihm das Leben ein – und legte sich mit den Ärzten an. Mal sah es schlecht aus, plötzlich wieder besser, bis es keine Hoffnung mehr gab.
Gisela behielt die Fassung, strahlte Stärke aus, brachte seine Beerdigung mit großer Beherrschung hinter sich. Doch mit ihm war ein Stück von ihr gestorben. Sie schrieb noch Bücher, traf sich mit Freunden, diskutierte, las, rauchte – aber sie war leiser. Und wurde irgendwann selbst krank, mehrere Schlaganfälle. Sie hätte noch eine Chance, sagten die Ärzte, doch die müsse sie auch wollen. Gisela wollte nicht mehr. Karl Grünberg
NACHRUF ZWEI
Hans Hasselmann21. August 1940 – 26. Februar 2026
Sie sind mit dem Satan im Bunde, trinken Wein, wahlweise Blut aus Totenschädeln, feiern schwarze Messen. Was der französische Journalist Léo Taxil an teuflischen Riten der Freimaurer Ende des 19. Jahrhunderts enthüllte, war schaurig – und erlogen. Aus Rachsucht erlogen, denn etlicher Betrügereien wegen war er nach kurzer Zeit aus der Loge verstoßen worden. Das hielt Verschwörungstheoretiker in der Folge nicht davon ab, immer wieder neue Gruselgeschichten über die Freimaurerei in Umlauf zu bringen, die darin gipfeln, dass die Gemeinschaft der Logenbrüder auf lange Sicht die Weltherrschaft an sich reißen will.
„Das ist natürlich Unsinn“, betonte Hans Hasselmann in einem Interview mit der „B.Z.“ „Aber diese Dinge sind nur ganz schwer aus den Köpfen der Menschen wegzubekommen.“ Es gibt keine schaurigen Geheimnisse, die es vor der Welt zu verbergen gilt. Der „Taz“ erklärte er: „Es gibt nur eine ganz allgemeine gemeinsame Lebensphilosophie, die dazu beitragen soll, dass jeder Freimaurer ein ausgeglichener Mensch und damit unsere Welt ein wenig menschlicher wird.“
Hans Hasselmann war „Zugeordneter National-Großmeister“ der ältesten deutschen Freimaurer-Großloge, der „Großen National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln“. Was ein wenig pompös klingt und ahnen lässt, welche Freude die Logenbrüder an Zeremonien und Titeln haben.
Regelmäßige Treffen im Tempel
Aber die Symbole der Freimaurer haben eine lange Geschichte. Einst ein Männerbund, entstanden aus den Steinmetzbruderschaften des Mittelalters, die als Baumeister der Kathedralen ein gewaltiges architektonisches Wissen wahrten. Später dann eine Geheimgesellschaft, genauer geschlossene Gesellschaft nach dem Verständnis der Mitglieder, darunter auch Friedrich der Große und Johann Wolfgang von Goethe. Letzterer formulierte den idealistischen Auftrag der Zusammenkünfte als eine „Erziehung zur Gesinnung“, im Sinne einer Offenheit allem und jedem gegenüber.
„Als Brüder Freimaurer treffen wir uns regelmäßig in unserem Tempel, um nach einer Art Liturgie Gedanken auszutauschen. Das geistige Arbeiten an uns selbst nennen wir dabei ‚die Arbeit am rauen Stein‘. Lessing hat richtig gesagt: ‚Das Geheimnis der Orden ist’s, kein Geheimnis zu haben.‘ Jeder kann sich unsere Vereinsstatuten ansehen, kann zu uns kommen und teilnehmen.“ Diese Offenheit bewahrte sich Hans Hasselmann bis zuletzt, ohne je missionarisch zu werden: „Wir warten ab, bis die Menschen den Weg zu uns finden.“ Keine Konfession also, aber eine Lebensfrömmigkeit, „weil wir in Gott den obersten Baumeister sehen.“ Dem es nachzueifern gilt.
Denn was lag nach dem Zweiten Weltkrieg näher, als Baumeister zu werden. Hans hatte als Heranwachsender in den Brachen Berlins gespielt, gefährliche Spiele, bei denen eine im Spaß geworfene Handgranate auch einmal eine Trümmerwand zum Einsturz bringen konnte. Er zog seine Lehren daraus, lernte zunächst Maurer, bildete sich dann weiter zum Architekten. Dreieinhalb Jahrzehnte hat er als Baumeister für die Landeskirche in Berlin gearbeitet, darunter auch große Renommierprojekte betreut wie den Erhaltungsbau an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und die Wiederherstellung der Heilandskirche von Sacrow. Stets hielt er sich an die Kostenpläne, und wenn einmal der – unbegründete – Verdacht aufkam, es könnte teurer werden als gedacht, konterte er: „Was regt ihr euch auf, wir bauen für den lieben Gott!“
Durch seine Arbeit kam er früh mit Freimaurern in Kontakt, und die Geborgenheit und Anteilnahme, die er im Tempel fand, gab ihm ein Selbstvertrauen, das ihm über alle Lebenskrisen hinweghalf. Aus seiner ersten Ehe hatte er zwei Töchter, denen er in Kinderjahren stets einen Hund vorenthalten hatte. Der kam erst spät ins Haus, als seine zweite Frau einen Schlaganfall erlitten hatte. Das gemeinsame Haus der Träume lag plötzlich in Trümmern, aber er baute es umgehend neu auf, bescheidener und nunmehr mit Hundehütte.
Wenn es einen Hund gibt, der Hans Hasselmanns Naturell aufs Genauste spiegelt, dann der Berner Sennenhund. Der war etwas zu groß für daheim, also nahm er einen Entlebucher Sennenhund auf, kleiner und agiler, was eine umfassende Erziehung nötig machte. Aska war nach Einschätzung Hans Hasselmanns der schönste, klügste und zutraulichste Sennenhund des Landes, und als solchen präsentierte er ihn auch auf zahlreichen Hundeshows, was beiden etliche Preise einbrachte.
Auf die Probe gestellt
Wichtiger aber war Aska als Therapiehund und als Gehhilfe, denn gesundheitlich stand es bei Hans Hasselmann nie zum Besten. Er überlebte drei Coronaerkrankungen, brauchte lange Zeit ein Sauerstoffgerät und hat sich selbst mehrfach das Leben insofern gerettet, als er Ärzte stets rechtzeitig aufsuchte. So überlebte er viele aus seinem Freundeskreis, ohne dass er je über all seine Malaisen geklagt hätte.
Was eine Gesinnung taugt, zeigt sich erst, wenn sie auf die Probe gestellt wird. Sorgen haben auch eine heilende Kraft. Sie schulen die Zartheit des Empfindens und gewähren eine Innigkeit, die sich bei ihm immer dann zeigte, wenn es galt andere zu trösten. In solchen Situationen zeigte er ungescheut, wie sehr er die Menschen liebte. Goethes Schlusswort im Logengedicht „Symbolum“, war auch seine Parole, und sie klang nie kitschig, wenn er sie wiederholte: „Wir heißen euch hoffen“.
„Versäumt nicht zu üben / Die Kräfte des Guten!“ – das tat er auch im Urlaub, mithilfe etlicher Säcke Vogelfutter, denn ein Herzenswunsch war unerfüllt geblieben: Er hätte sich auch ein Leben als Ornithologe vorstellen können. Wie Franz von Assisi predigte er gern den Vögeln oder ließ sich von ihnen in Sachen Leichtigkeit und Lebensfreude unterrichten.
Seine letzte Urlaubsreise führte auf die Insel, in Wenningstedt auf Sylt verbrachte er einen ruhigen Abend mit einem guten Freund. Dann verabschiedete er sich zur Nacht, verabredete das Wiedersehen am nächsten Tag. Aber so sanft und unaufgeregt, wie er selbst im Leben gewesen war, so war sein Tod. Gregor Eisenhauer
NACHRUF DREI
Hermann Noack III.9. Februar 1931 – 5. März 2026

Der Himmel über Berlin-Charlottenburg am 6. April 2026 um 18:29 Uhr

Der Himmel über Berlin-Charlottenburg am 6. April 2026 um 18:29 Uhr Foto: Walter Sommer
Die Quadriga war weg! Seine größte Arbeit bisher, die größte der Firma überhaupt: verschwunden. So viele Hände und mehr als ein Jahr hatten sie gebraucht für das Kupfer-Gespann. Hermann Noack, gerade 27 Jahre alt, wollte es nicht glauben. Am Tag zuvor, am 1. August 1958, hatten sie noch ein Foto gemacht, Gruppenbild mit Dame: Die ganze Belegschaft der Bronzegießerei rund um die Viktoria in der Mitte. Dann wurde Berlins bekanntestes Fuhrwerk zum Brandenburger Tor gebracht. Und da fehlte es jetzt. Wer stiehlt ein ganzes vierspänniges, über sechs Tonnen schweres Triumphgespann samt Wagenlenkerin?
Und vor allem: Was würde sein Vater dazu sagen? Würde er sagen: Ich wusste, dass du es allein nicht schaffst?
Im Mai erst war er gestorben, mit 63 Jahren, fast ohne Vorwarnung. Man stirbt nicht mitten in der größten Arbeit seines Lebens. Aber so ein Menschenleben ist doch aus anderem Stoff als eine Quadriga.
Acht Jahre zuvor waren ein paar Jungkommunisten mit Erich Honecker als Anführer auf das Brandenburger Tor gestiegen und hatten das, was der Krieg von dem zerstörten Pferdewagen übriggelassen hatte, vom Dach in die Tiefe gefegt. Der Sturz der Siegesgöttin gab den Abgesandten einer neuen Zeit wohl das Gefühl, ein zukunftsweisendes Werk zu tun: Nieder mit den Insignien des preußisch-deutschen Militarismus! Ein Pferdekopf wurde ins Märkische Museum geschafft, das war alles, was von Johann Gottfried Schadows Werk blieb.
Immerhin, schon Hermann Noacks Großvater, Hermann Noack, hatte großen Ärger mit einer Viktoria gehabt, Vater Hermann Noack mit der seinen eher Freude. Drei Viktorien. Drei Hermann Noacks? Woher kam dieses, nun ja, dynastische Bewusstsein beim ersten Träger dieses Namens, Sohn einer Töpferfamilie aus der Lausitz? Hieß das: Einer stehe auf den Schultern des anderen und nirgends sonst?
Die beste aller möglichen Viktorien
Hermann Noack I. besaß früh einen Sinn für Haltbarkeiten, ob es sich nun um Namen handelte oder um Materialien. Was von der ganzen Töpferei seiner Eltern blieb, waren zuletzt doch nur Scherben. Was man in Bronze gießt, hält dagegen für immer. Ist allerdings auch etwas schwerer.
Die Riesen-Viktoria, die der Großvater Hermann Noack I. 1895 nach Amerika brachte, wog mit Siegeskranz 76 Tonnen. Die Frau allein, keine Pferde. Indianapolis hatte seine Siegesgöttin bei der „Gladenbeck AG“ in Berlin-Friedrichshagen bestellt, denn es sollte die beste aller möglichen Viktorien werden. Hermann Noack I. eskortierte die Göttin. Er war 23 Jahre alt, als er in Indianapolis einem amerikanischen General gegenübertrat und sich rundweg weigerte, das Gerüst auch nur zu betreten, das der General für ausreichend befunden hatte, um eine 76-Tonnen-Frau auf einem 25 Meter hohen Sockel zu montieren. Der zähe Zweikampf zwischen General und Töpfersohn aus der Lausitz währte zwei Wochen, der Töpfersohn gewann.
Sein Enkel war immerhin schon vier Jahre älter, als er nun am Brandenburger Tor ohne Viktoria dastand.
Auch sein Vater Hermann Noack II. hatte es besser getroffen mit seiner Göttin. Adolf Hitler plante seine Reichshauptstadt Germania mit ungeheuren Aufmarschachsen und befand: Die Siegessäule mit der Viktoria am Königsplatz steht im Weg. Also bekam der Vater den Auftrag, sie da wegzuschaffen und irgendwo abzustellen, wo sie weniger störte. Also am Großen Stern. Einfach wegschaffen? Hermann Noack II. holte 1938 – unter schaulustiger Anteilnahme von halb Berlin – die Göttin von der 60 Meter hohen Säule, um sie neu vergoldet in den Tiergarten auf eine sechs Meter höhere Säule zu stellen, wo sie seitdem den Verkehr regelt.
Und der Sohn verliert seine Viktoria fast in Sichtweite der anderen? Im März erst hatte er seinen Meister gemacht, kurz bevor der Vater starb, und niemand glaube, Bronzegießen heiße, siedendes Metall in eine Form zu füllen und zuzuschauen, bis der Brei fest wird. Gegossen wird vielmehr eine dünne Bronzehülle, und zwar in Teilen. Das ist eine Alchimistenküche bis heute, das schaffen nur die Besten.
Eigentlich hatte Hermann Noack III. gar nicht auf die Schultern seines Vaters und Großvaters steigen wollen. Maler wollte er werden. Dabei hätte ihm schon sein Name sagen müssen, dass seine Zukunft so gut wie in Bronze gegossen war. Vorausgesetzt, er überlebte seine Jugend. Vorausgesetzt, die Firma überlebte überhaupt.
Ein Jahr, nachdem die Bronzegießerei Noack die Viktoria mitsamt Säule versetzt hatte, begann der Krieg und brachte faktisch ein Berufsverbot: Keine Bronze mehr für die Kunst! Der Vater begann, im Auftrag von Telefunken Musterserien elektronischer Geräte zu gießen. Bei alldem konnten sie froh sein, dass die Nationalsozialisten die Firma nicht zerschlugen, immerhin hatten die Noacks fast die ganze bildkünstlerische Moderne zu verantworten, soweit sie sich in Bronze hatte gießen lassen. Von Bellings „Skulptur 23“ bis zu Oskar Schlemmers „Abstrakter Figur“, von Ernst Barlach bis zu Käthe Kollwitz. 1943 traf eine Bombe die Gießerei Noack in Friedenau, sie war zu 80 Prozent zerstört. So auch das Lager, viele unersetzbare Formen fielen in Scherben.
Wahrscheinlich dachte Hermann Noack II. damals zum ersten Mal: Mein Sohn muss hier weg! Schließlich wäre die Dynastie der Noacks um ein Haar schon bei Hermann Noack I. zu Ende gewesen. Mit viel Glück war Hermann Noack II. als junger Mann nach fünf Jahren und Gefangenschaft aus dem I. Weltkrieg zurückgekehrt, anders als manche Mitarbeiter. Dieser nächste Krieg sollte ihm nicht den Sohn nehmen, also wurde Hermann Noack III., 13 Jahre alt, Kandidat der Malerei, an den oberbayerischen Ammersee verschickt.
Und dann war auch dieser Krieg vorbei. Der Schüler beschloss, dass es nun an der Zeit sei zurückzukommen. Zu zweit liefen sie einfach los, vom Ammersee bis nach Berlin, mitten hinein ins Chaos. Was für ein Abenteuer. Was für eine Zerstörung. Am Ammersee hatten sie fast vergessen, dass Städte aus Ruinen bestehen können. Irgendwann stand er in der Friedenauer Fabrik in der Fehlerstraße, notdürftig wieder instandgesetzt, aber ausgeplündert, und fand seine Mutter und die Schwestern bei einer merkwürdigen Beschäftigung. Sie fertigten große Metallbuchstaben eines völlig unlesbaren Alphabets, viele Tausende. Immerhin, seit sie das machten, hatten die Demontagen aufgehört.
Fehlerfreie Sowjetsoldaten aus Bronze oder Erz
Die Rote Armee musste ihre vielen Tausend Gefallenen in fremder Erde bestatten, und dazu brauchte sie Inschriften, die den Toten und den Lebenden bezeugten, dass sie Helden gewesen waren. Aber sie brauchten noch mehr: Sterne vor allem, Sowjetsterne, aber auch Kränze, Pylone, Vasen. Und Sowjetsoldaten aus Bronze oder Erz, sehr große. Martha Noack erklärte den Abgesandten der Roten Armee, dass sie die Sowjethelden gern liefern würde, aber dazu müsse sie ihren Mann wiederhaben. Die Rote Armee hatte Hermann Noack II. in eines ihrer Lager gesperrt. Konnte eine kleine Frauenbrigade überlebensgroße, fehlerfreie Sowjetsoldaten gießen? Also ließen die neuen Machthaber den Vater des Ammersee-Rückkehrers frei.
Der wollte immer noch Maler werden, vorerst aber ging er zur Schule und lief täglich durch die Friedenauer Fabrik zum Wohnhaus der Familie, das direkt dahinter lag. Maschinen kehrten zurück, eigene und fremde. Die Rote Armee gab acht, dass es Werkstatt und Familie an nichts fehlte und diese goss einen Rotarmisten nach dem anderen, abgesehen von den übrigen Insignien des Ruhms. Alle Sowjetsoldaten aus Metall in der Stadt entstanden in Friedenau, bis auf einen. Dass der 12 Meter hohe Held mit dem Kind auf dem Arm für das Treptower Ehrenmal in Friedenau gegossen wurde, verhinderte die Währungsreform 1948.
Und nun war die Quadriga weg. Horror vacui. Das Werk der Noacks wurde bald im Hof des früheren Marstalls am Lustgarten entdeckt. Das war die DDR! Die Kommunisten hatten den Pferdewagen nicht eigentlich stehlen wollen, aber auf entschiedenste Weise Protest erheben gegen das, was die Viktoria da in der rechten Hand trug: Siegesstab mit Preußens Adler und Eisernem Kreuz. Sollten die Werktätigen des Arbeiter- und Bauernstaates künftig den Insignien des preußisch-deutschen Militarismus gegenüberstehen? Immerhin sahen die West-Berliner von der ganzen Quadriga nur fünf Hintern, die Hauptstadt der DDR aber sah die Inhaber von vorn.
Manche glaubten, die Viktoria würde künftig nun wohl eine rote Fahne tragen, Hermann Noack III. war vor allem erleichtert. Sollten die Politiker streiten, Hauptsache, sein Werk war wohlbehalten. Aber wie sollte es mit der Bildgießerei in der Inselstadt West-Berlin weitergehen, verlorener konnte man kaum sein.
Im Herbst 1958 standen zwei Direktoren der „Marlborough Fine Arts Ltd. London“ in Friedenau. Sie hatten ein Problem: Eine Gießerei, mit der ihr Künstler Henry Moore zufrieden war, gab es nicht. Würde es wohl auch nie geben. Und mit einem Deutschen zusammenzuarbeiten, so kurz nach dem Krieg, erschien wenig opportun. Also: ein Versuch, mehr nicht. Im Herbst entfernte Hermann Noack III. noch Schinkels Eisernes Kreuz und den hegemonialen Vogel von Viktorias Stab. Kurz vor Weihnachten traf das Gipsmodell der überlebensgroßen „Draped Woman“ aus London ein. Anfang März 1959 folgte der Bildhauer seinem Modell: und wusste sofort, dass er die Gießerei seines Vertrauens gefunden hatte. Obwohl Noack sich sehr eigenmächtig der Oberfläche der Bronze genähert hatte. Mit Säure laut Geheimrezept. Das Patinieren war seine Leidenschaft, Ersatzmalerei auf Bronze gewissermaßen. Es ist besser so, sagte er sinngemäß statt einer Entschuldigung. Es ist besser so, fand auch Moore. Und sein Ausruf „Hermann, can you come over with your secret pot?“ klang fortan immer wieder durch die Gießerei.
Der Bildhauer bestellte die „Draped Woman“ gleich zweimal. Bislang wusste selbst Henry Moore nichts von seinen späteren Riesenplastiken, dabei war er schon über 60 Jahre alt. Aber mit dieser Gießerei konnte er es wagen, bald würden Moore-Megabronzen auf der ganzen Welt stehen, auch vorm Bonner Kanzleramt. 1965, bei der ersten, zeigte sich der Künstler noch etwas nervös, als die Noacks die „Reclining Figure“ zwischen die Metropolitan Opera, die Philharmonic Hall und das Vivian Beaumont Theatre in New York platzierten. Würde sie sich behaupten? Architektur schrumpft Skulpturen, wusste Moore, ganz anders als Landschaft. Die „Reclining Figure“ war über neun Meter breit, fast fünf Meter hoch und wog sieben Tonnen. Und schien doch auf ihrem kleinen Teich zu schwimmen, so selbstverständlich, als hätten alle Gebäude ringsum nur auf sie gewartet.
Schweben wie der Engel. Oder gleich fliegen?
Bronzene Schwergewichte so wirken zu lassen, als hätten sie gar keine Schwerkraft, darin hatten die Noacks Übung, ob es nun Georg Kolbes berühmte „Tänzerin“ war oder Ernst Barlachs „Schwebender Engel“ im Güstrower Dom, den die Nationalsozialisten einschmelzen ließen. Immerhin hatte Hermann Noack II. 1942 einen Zweitguss gemacht, den sie am Rand der Lüneburger Heide versteckten.
Schweben wie der Engel. Oder gleich fliegen? Hermann Noack III. vertraute dem Leben, und das Leben vertraute ihm. Er spürte den Wind im Rücken, der ihn immer weiter vorwärts trug. Sollte er dieses Element nicht auch in natura ausprobieren? Und Hermann Noack III. lernte segeln. Seinem ersten Boot gab er den Namen seiner Tochter, alle seine Schiffe würden heißen wie sie. Kann sein, dass die Noacks unfähig sind, Dinge nur halb zu machen. Und so begann der Bronzegießer eine Zweitlaufbahn als Segler. Er fuhr bald bei großen Wettbewerben, und als er 1983 den internationalen Admiralscup gewann, die inoffizielle Weltmeisterschaft im Hochseesegeln, war er am Ziel.
Im Jahr darauf nahm sich seine Frau das Leben. Hermann Noack hat es nie verstanden, er kannte keine Windstille der Seele. In dem Maße, wie er auf allen Wellen fuhr, hatte das Leben ihr nach und nach den Wind aus den Segeln genommen. Dabei hatte sie doch alles, wie manche sagen. Manchmal ist das nicht genug. In diesem Jahr hörte er auf zu segeln.
1987 starb Henry Moore. Niemand würde mehr rufen:„Hermann, can you come over with your secret pot?“ Rund 1000 seiner Plastiken dürften die Gießerei in Friedenau verlassen haben, nun wirkte sie leicht verwaist. Hermann Noacks Sohn Hermann Noack IV. fiel irgendwann durch die Auskunft auf, doch lieber Koch werden zu wollen. Aber doch nicht mit diesem Namen! Andererseits: Auch die Firma selbst hatte einst in einer Küche angefangen, in Friedrichshagen. Doch was der Amerika-Rückkehrer Hermann Noack I. 1897 da im Topf hatte, war Metall. Er wollte es auf einem gewöhnlichen Kohleherd zu Brei kochen – und überlebte.
Heute steht am Charlottenburger Spreebord die neue, moderne Bildgießerei Hermann Noack. Der Senior hat die Einweihung noch erlebt, sein Sohn, Hermann Noack IV., fand einen idealen Kompromiss: Vorn ist ein Restaurant, mit Spreeblick, dahinter steht die moderne Bildgießerei mit drei hohen Schornsteinen, der Hof ist ein Skulpturenpark. Aber einen Hermann Noack V. wird es nicht geben: Die Töchter übernehmen. Kerstin Decker
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